Zum Stigma psychisch Kranker

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Zum Stigma psychisch Kranker

Beitragvon friedolin » Sonntag 18. Juli 2010, 15:19

Ich hab mal eine Frage an euch! Passend zum Artikel von Dr. Georg Psota!

Dadurch dass ich meine Krankheit verheimliche im Alltag, werde ich nicht wirklich stigmatisiert oder als verrückter abgestempelt! Eben wegen dieser Angst vor der Stigmatisierung verheimliche ich es auch so gut es geht!

Mich würde aber interessieren ob ihr auf Grund eurer Diagnose, wirklich anders behandelt werdet, von eurer umgebung, zb im wirtshaus, beim amt, im Supermarkt oder im Dorf? Und was mich auch interessieren würde ist wie sich das zeigt, also was die Menschen die einen abstempeln dann mit euch machen oder wie sie mit euch umgehen!
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Re: Zum Stigma psychisch Kranker

Beitragvon siempre » Sonntag 18. Juli 2010, 22:23

Also ich habs bei der Arbeit eigentlich immer verheimlicht, konnte damals, als ich noch in Psychotherapie ging, aber nicht verhindern, daß zumindest ein Arbeitskollege das sah. Es gab wohl auch ein paar Bemerkungen darüber, aber da dann später 1 andere Kollegin akut psychotisch wurde und 1 anderer Kollege einen Nervenzusammenbruch hatte, klemmte sich die Aufmerksamkeit diesbezüglich eh nicht so auf mich fest. Als die Firma verkauft und später dichtgemacht wurde, hatte man eh andere Sorgen.
Bei mir hat sichs immer "verlaufen", weil es außer meiner Familie kaum wer mitbekommen hat, und wenn, dann verschwanden diese Leute nach ein paar Jahren völlig aus meinem Gesichtskreis. Stigmatisiert wurde ich allenfalls in der akuten Psychose insofern, als ich Leuten auf der Straße oder der Kassiererin im Supermarkt auffiel (die mich auslachte). Und neulich hat mich der Kellner im Restaurant, in dem ich damals mit der Psychose war, wiedererkannt (nehme ich jedenfalls an, denn er schaute mich plötzlich so unverwandt an und sagte "la pazza!" und es fiel im schier das Geschirr aus den Händen). Ich nehme aber nicht an, daß er, falls ich mit Schwiegermutter dort auftauche (die es nicht so recht weiß), eine Szene macht. Ich denke, ruhig bleiben und wenig drauf reagieren, sondern möglichst normal weiterbewegen ist das Beste, was man in einer solchen Situation tun kann. Falls es doch nochmal vorkommt, spreche ich vielleicht mit ihm und sage "ja, damals war ich krank. Das kann jeden erwischen. Bin ich aber schon lange nicht mehr." oder sowas. Ich schätze, damit wäre das Thema dann zumindest dort im Restaurant ausreichend in die Spur gebracht.
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Re: Zum Stigma psychisch Kranker

Beitragvon siempre » Sonntag 18. Juli 2010, 22:28

Ach ja, und bei einer Staatsveranstaltung mit Publikum haben sie mich anstandslos durch die Sicherheitsschleuse gelassen, sogar auf Armlänge mit Regierungspersonen, also stehe ich offenbar auf keiner "schwarzen Liste".
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Re: Zum Stigma psychisch Kranker

Beitragvon Aleshanee » Sonntag 18. Juli 2010, 22:50

Ich kann hier nur als Angehörige was dazu sagen ...

Als mein Mann mit Psychose in die Klinik eingeliefert wurde, hab ich dringend jemanden zum Reden gebraucht. Ich wollte das ganze natürlich nicht jedem auf die Nase binden, aber da weder mit seiner noch mit meiner Familie gut darüber zu reden war, musste ich mit ein paar wenigen ausgesuchten Leuten offen darüber sprechen.

Was mich erstmal gewundert hat war, das 4 von den 5 Erfahrungen mit Psychosen im Bekanntenkreis hatten (für mich selbst war das alles Neuland)
Sie alle haben durchweg Verständnis gezeigt (wahrscheinlich durch ihre eigenen Erfahrungen) - allerdings vor allem Verständnis für mich als "Angehörige". Für meinen Mann als eigentlich Betroffenen muss ich sagen, dass wohl Verständnis da war, aber eher ein "Verstehen auf Abstand". Ich weiß grad nicht, wie ich das anders ausdrücken soll - es war ihnen wohl allen klar, worum es ging und wie schwierig die Situation für uns beide ist, aber das Hauptaugenmerk ist bei den meisten, also mit denen ich gesprochen habe, auf die Angehörigen gerichtet. Wahrscheinlich weil sie selbst in diesem Verhältnis stehen.

Wie bei den meisten beängstigenden Krankheiten will man wohl nichts damit zu tun haben, wenn es nicht sein muss. Und für viele Menschen ist eine Psychose, eine Schizophrenie o. ä. beunruhigend. Da man es selber nicht erlebt, kann man kaum einschätzen, wie es dem anderen geht und welche Auswirkungen das konkret bei dem anderen hat. Was man nicht kennt ist einem meistens bis zu einem gewissen Grad unheimlich. Tut mir leid, dass ich das so ausdrücken muss aber für mich war es das, als ich mich so plötzlich und unmittelbar damit konfrontiert sah. Dazu kommt, dass man nicht weiß, wie man helfen soll oder kann. Ich hatte wochenlang Angst vor meinem Mann, er war wie ein Fremder, den ich nicht einschätzen konnte und da er auch schonmal aggressiv geworden war, war ich ständig übervorsichtig.

Ich glaube, da die meisten Menschen sich nicht mit dem Thema beschäftigen und nur das Wissen, was über die Medien läuft, hört sich "psychische Krankheit" immer erstmal furchteinflößend, vielleicht sogar gefährlich an. Nachdem ich mich darüber informiert habe, denke ich ganz anders darüber, aber ich habe auch gesehen, wie andere aus unserem Bekanntenkreis entweder die Augen davor verschlossen haben, um sich dem "Problem" nicht zu stellen oder es einfach nicht wahrhaben wollten. Unterstützung kam jedenfalls keine - zumindest von der Familie.
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Re: Zum Stigma psychisch Kranker

Beitragvon siempre » Montag 19. Juli 2010, 15:34

@Aleshanee: ich seh das auch so, daß es einen ziemlichen Unterschied macht, ob die Leute schonmal in der Nähe Erfahrung gemacht haben mit psychischen Krankheiten und evt. Psychiatrieaufenthalt, also etwa als Angehörige oder ehemals selber Betroffene, oder nur von Ferne, so daß sie es ohne Problem bei bloßem Abwehren belassen können.
Die Krankheiten sind halt so, daß die Kontinuität und das Funktionieren in einer verantwortlichen Rolle zumindest zeitenweise nicht möglich ist. Und das wirft natürlich das Problem auf, wie bekommt man das wieder weg und wer übernimmt stattdessen die Verantwortung, und wieweit. Wenn man eine solche Beanspruchung noch nie aus der Nähe erlebt hat, reagiert man darauf etwas schreckhaft.
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Re: Zum Stigma psychisch Kranker

Beitragvon friedolin » Dienstag 20. Juli 2010, 23:57

Aleshanee hat geschrieben:Was mich erstmal gewundert hat war, das 4 von den 5 Erfahrungen mit Psychosen im Bekanntenkreis hatten (für mich selbst war das alles Neuland)
Sie alle haben durchweg Verständnis gezeigt (wahrscheinlich durch ihre eigenen Erfahrungen) - allerdings vor allem Verständnis für mich als "Angehörige".


Also das finde ich gut, dass andere dann auch erfahrungen mit dem thema haben, im freundes und bekannten kreis! ich denk mir auch oft dass viele die mich umgeben "leichen im keller" haben! also entweder selbst mit etwas kämpfen zb angst depris usw! und es auch verheimlichen!

ich glaube, dass unsere gesellschaft in zukunft immer mehr leute mit psychischen krisen produzieren wird, weil viele überarbeitet oder gestresst sind (mit allen möglichen dingen)!
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Re: Zum Stigma psychisch Kranker

Beitragvon siempre » Mittwoch 21. Juli 2010, 08:10

friedolin hat geschrieben:ich glaube, dass unsere gesellschaft in zukunft immer mehr leute mit psychischen krisen produzieren wird, weil viele überarbeitet oder gestresst sind (mit allen möglichen dingen)!


Ach, ich hoffe, das geht wieder zurück, weil sich die Erkenntnis durchsetzt, daß so die Kontinuität noch weniger zu erreichen ist als wenn man die Leute etwas weniger stresst.. es hieß vor wenigen Jahren ja schon (etwas reißerisch), Depression sei auf dem Weg zur Volkskrankheit.
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Re: Zum Stigma psychisch Kranker

Beitragvon winisanexperiment » Samstag 24. Juli 2010, 14:20

Es ist echt schlimm, ich werde hier auf dem Land echt total mies behandelt, die Nachbarn sind extrem unfreundlich zu mir, sie sagen hintenrum immer total beleidigende Dinge, ich werde hier so gut wie von jedem mies behandelt, ich habe nur
einen normalen Freund, sonst sind alle selber krank.
Ich muss auch schon manchmal weinen deswegen, ein nachbar sagte als ich auf dem balkon war zum rauchen ganz deutlich dass er froh wäre wenn ich nicht mehr wieder komme. Er hat es nur indirekt zu mir gesagt, aber schon so dass ich es deutlich verstand.
Ich rufe oft die Telefonseelsorge an deswegen!
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Re: Zum Stigma psychisch Kranker

Beitragvon Serendipity » Samstag 24. Juli 2010, 17:57

Hi wini

Hab früher auch in einer Gegend gewohnt, wo jeder jeden kennt. Hab mich nicht wohl gefühlt dort. Obwohl das noch vor meinen psychotischen Episoden war. Als ich sie hatte, lebte ich schon in der Großstadt. Die Anonymität da, hat mir geholfen, mich wieder zu finden.

Das mit der vermehrten Stigmatisierung am Land, hab ich schon öfter gehört.

Was rät Dir die Telefonseelsorge da?

Wenn Du immer wieder solche Erfahrungen machst, muß das ja sehr an Deinem Selbstwert nagen :(
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Re: Zum Stigma psychisch Kranker

Beitragvon siempre » Sonntag 25. Juli 2010, 13:33

Es kostet eine Menge zusätzliche Kraft, wenn man auch noch von seinen Nachbarn in die Zange genommen wird.
Geht eigentlich nur, wenn man auch noch ein paar "Verbündete" im Dorf hat, ob Angehörige oder Freunde, die zu einem halten und helfen, die Meckerer wieder in die Spur zu bringen durch Aufklären und Verständnis ertrotzen.
Ich bin verdammt froh, daß es bei mir so abging wie bei Serendipity, hätte ich die Psychosen in meinem kleinen Heimatort gehabt, hätte ich es wahrscheinlich nicht überlebt.

Grüße und viel Kraft
siempre
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Re: Zum Stigma psychisch Kranker

Beitragvon friedolin » Dienstag 27. Juli 2010, 20:18

Hallo Wini,

stells mir am land in nem kleinen dorf auch schlimm vor, hab verwandte in nem kleinen kaff dort wäre ich wahrscheinlich auch verschrien und stark stigmatisiert!
das schöne an einer großstadt, ist echt die anonymität!
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Re: Zum Stigma psychisch Kranker

Beitragvon siempre » Mittwoch 28. Juli 2010, 00:36

Naja, es kann schon gehen, aber man muß halt unbedingt mindestens die Familie haben, die einen unterstützt, und noch 1 Freund oder so..
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Re: Zum Stigma psychisch Kranker

Beitragvon winisanexperiment » Freitag 30. Juli 2010, 12:38

Vielleicht ist es auch nicht immer extrem schlimm, die Nachbarn sehe ich ja oft garnicht, höre sie nicht, sicher sie haben ihre Kinder irgendwie aufgeklärt dass ich eben ein Loppada (Schimpfwort für Geisteskranken) wäre und diese schreien oft durch die ganze Gegend, aber das sind ja nur Kinder, die Eltern sind teilweise das krasse, sie können irgendwie nicht normal damit umgehen und lernen ihren Kindern schon dass ich oder meiner Einer eben kein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft wäre,
mir ist es auch echt oft egal, ich reiße auch manchmal Witze darüber wenn ich mit meiner Herkunftsfamilie zusammensitze oder was unternehme,

vielleicht tut es eben nicht immer gleich weh und mit der Zeit bekommt man eine immer dickere Haut, dass einem dieses hinten herum ausrichten garnicht mehr so verletzt, zumindest nicht jeden Tag.
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Re: Zum Stigma psychisch Kranker

Beitragvon siempre » Sonntag 1. August 2010, 23:49

Wenn Du mit deiner Familie ab und an Witze drüber machen kannst, wie die Nachbarn meckern, klingt das für mich recht gesund :-)
Man muß sich schon ein ziemlich dickes Fell anziehen, um sich da nicht vom Arbeiten an seinem Comeback abbringen zu lassen, aber wenn man ein paar Leute hat, die zu einen halten, kann es gehen. Die einen werden halt wegen Psychosen angefeindet, die anderen, weil sie zugezogen sind, die nächsten, weil sie was anderes glauben... ich stells mir so ähnlich vor wie das, was ich zu meiner Grundschulzeit erlebte, da gab es auch diverse Giftereien im Dorf. Ich bin recht gut gefahren damit, daß ich mit auftauchenden Neuen immer gleich Kontakt aufgenommen habe, so daß dann Beurteilungen von anderen zwangsläufig in den Hintergrund gerieten - sie hatten sich dann schon selbst eine Meinung über mich bilden können.

Liebe Grüße
siempre
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